Warum der Kanarienvogel das Logo von Mastzellenhilfe ist und was wir alle damit zu tun haben

Wir sind alle Kanarienvögel. Glaubst du nicht? Dann lies weiter...


Lange bevor Mastzellenhilfe im Internet aufrufbar war, existierte die Idee in meinem Kopf. Es gibt so wenige Ressourcen auf Deutsch, dachte ich, und so viele auf Englisch und in Form wissenschaftlicher Studien. Das muss sich ändern! Als Wissenschaftlerin und Betroffene sah mich in der Position, meinen Teil dazu beizutragen und sowohl aus dem Englischen als auch aus dem Wissenschaftlichen zu übersetzen.


Eine der wichtigeren Fragen bei der Gestaltung von Mastzellenhilfe war die Suche nach einem passenden Logo. Ich wusste gleich, was das Logo ausdrücken sollte, fand es aber zunächst schwierig, abstrakte Konzepte wie "Einschränkungen", "Besserung" und "Freiheit", die den Alltag mit MCAS bestimmen, in ein konkretes Bild zu fassen. Ich schaute mir hunderte Logos aus allen möglichen Quellen an, und bei einem Logo mit einem Vogel (es war ein Rabe) klickte es: Der Kanarienvogel!


Es ist nicht ganz leicht, abstrakte Konzepte wie "Einschränkung", "Besserung" und "Freiheit", die den Alltag mit MCAS bestimmen, in ein konkretes Bild zu fassen.

Nun: Warum der Kanarienvogel? Von guten Freunden, die Mastzellenhilfe vor der Veröffentlichung "testgefahren" sind, habe ich diese Frage mehrfach bekommen. "Hat das Logo etwas mit Mastzellenhilfe zu tun?" Ja, natürlich! Und ich denke, Betroffene von Mastzellerkrankungen wissen meistens auch schon, was das ist.



Zur Erklärung gehört ein Blick in die Geschichte: Früher wurden Kanarienvögel im Bergbau eingesetzt. Klingt erstmal komisch. Offensichtlich sind Kanarienvögel eher schlecht darin, Kohle etc. abzubauen! Aber eins können sie besser als die Bergleute: in Ohnmacht fallen. Da das Atemwegssystem bei Vögeln anders funktioniert als bei Menschen, sorgt Sauerstoffmangel sehr viel schneller für einen Verlust des Bewusstseins. Und das war bei den Bergleuten gefürchtet: Unter Tage gab es früher durchaus Probleme mit der Frischluftzufuhr, und besonders gefährlich war das geruchlose Kohlenmonoxid. Je nach Luftkonzentration und Expositionsdauer kann Kohlenmonoxid zu Vergiftungssymptomen, Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod führen. Um Kohlenmonoxid in der Luft rechtzeitig zu bemerken, nahmen die Bergleute also die empfindlicheren Kanarienvögel mit in die Mine. Hörte der Vogel auf zu singen, oder kippte er sogar von der Stange, war klar: Alarmstufe Rot! Der Kanarienvogel war nicht das einzige Warntier unter Tage, auch Mäuse und Tauben wurden für diesen Zweck genutzt. Kanarienvögel zeigten sich allerdings als besonders sensible Anzeiger für eine ungesunde Situation für die Bergleute. Im Englischen hat sich "canary in the coal mine" sogar zu einem Ausdruck für jemanden durchgesetzt, dessen Sensitivität ihn zu einem hilfreichen Indikator für gesundheitsschädliche Situationen macht - eine Art Frühwarnsystem.


Kippte der Vogel von der Stange, war für die Bergleute klar: Alarmstufe Rot in der Mine!

Die Parallele zu Menschen mit Mastzellerkrankungen wird deutlich: Auch wir reagieren häufig viel früher als gesunde Menschen auf Stoffe aus der Umwelt. Diese Stoffe sind oft für niemanden so richtig gesund, aber wir (im Speziellen unsere Mastzellen) bemerken die Exposition, wenn die anderen noch völlig ahnungslos sind. Das ist für uns oft unerfreulich, aber wie ein Arzt mir mal vor Jahren sagte: "Lieber nach einem Tag in der Mine mit tränenden Augen und laufender Nase raus, als 20 Jahre problemlos unter Tage sein und dann eine Staublunge haben!" Was soll ich sagen - da ist was dran. (Zumindest im Prinzip - ich verstehe auch, dass die Einschränkung manchmal so groß und die Mastzellaktivität so überbordend sein kann, dass das nur ein sehr schwacher Trost ist.)


So sind wir Mastzellpatienten, salopp gesagt, auch alle "Kanarienvögel". Unsere Sensitivität bietet uns Anhaltspunkte für eine schädliche Umgebung. Das kann nützlich sein, aber auch einschränkend, gerade in unserer heutigen Welt voller ungesunder oder bestenfalls "semi-gesunder" Situationen.


Sich dessen bewusst zu sein, und sich darauf einzurichten, gehört zu unserem Alltag. Aber das soll unser Leben nicht zu sehr beschränken! Ja, wir haben einen Käfig, der aus unserer Krankheit besteht. Diesen Käfig werden wir nach aktuellem Wissensstand auch so bald nicht los, denn MCAS ist aktuell nicht heilbar. Zum Glück ist es behandelbar, und ich bin auch durchaus optimistisch, was Erkenntnisse und pharmakologische Entwicklungen in der Zukunft angeht.


Bis dahin gilt (ganz wichtig!): Auch wenn der Käfig ganz klar da ist, wir können ihn verlassen! Die Tür steht offen! Wir können raus, können fliegen. Es ist mir sehr wichtig, nicht die Einschränkung abzubilden, sondern vor allem die Hoffnung und die Freiheit. Diese Hoffnung und Freiheit wünsche ich jedem Mastzellbetroffenen, und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass dies zur Realität wird.


Dabei sieht Freiheit für jeden von uns anders aus. So viele Betroffene mit Mastzellerkrankungen wünschen sich, wieder ein normales Leben führen zu können. Da die meisten Betroffenen milde Fälle sind, gelingt dies mit kleinen Einschränkungen auch zumeist. Dennoch gibt es auch die schweren Fälle, die Menschen, die sehr stark eingeschränkt werden, die seit Jahren von wenigen Lebensmitteln leben, die Schwierigkeiten haben, ihr Haus zu verlassen oder einer Arbeit nachzugehen. Es versteht sich von selbst, dass die Lebensentwürfe sich hier unterscheiden. Dabei bleibt der Traum von Freiheit und Unbeschwertheit gleich.


Ich wünsche jedem Mastzellpatienten Hoffnung und Freiheit, und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten, dass dies zur Realität wird.

Ich versuche, mit den Informationen, die ich auf Mastzellenhilfe gebe, mitzuhelfen, diese Hoffnung aufrechtzuerhalten, und Tipps zu geben, wie Betroffene von Mastzellerkrankungen wieder mehr Freiheit erlangen können. Daher war und ist es mir besonders wichtig, diesen Aspekt zu repräsentieren. Daher (ganz wichtig!) sitzt der Vogel nicht im Käfig, sondern auf ihm. Er könnte auch eine Runde fliegen. Die Tür des Käfigs ist offen. Der Käfig ist da, aber der Vogel ist trotzdem selbstbestimmt.


Nicht zuletzt liegt mir auch aus persönlichen Gründen die Geschichte mit dem Kanarienvogel im Bergbau am Herzen: Mein Vater war Bergmann, und Mastzellenhilfe "wohnt" im Ruhrgebiet! Seitdem ich mich für das Logo entschieden habe, habe ich die Idee schon übrigens mehrfach wieder gehört, z.B. bei Mastzellkongressen. Ich finde, das passt!


Der allererste Schnellentwurf des Logos sah übrigens so aus, mit dem Kugelschreiber in ein Notizbuch gekritzelt:



Und hier siehst du (nochmal) das fertige Ergebnis, im Direktvergleich:


Und so ist die Mastzellenhilfe zu ihrem Logo gekommen!


Übrigens: Die Kanarienvögel erwachten in der Regel unbeschadet wieder aus ihrer Ohnmacht. Es gab sogar extra für sie angefertigte Kästen, in denen sie wieder zu sich kommen konnten. Die Bergmänner hatten sich an ihre tierischen Kollegen gewöhnt und behandelten sie wie Haustiere. Daher sorgte der Beschluss, die Kanarienvögel unter Tage ab 1986 durch Messgeräte zu ersetzen, für traurige Stimmung unter den Kumpels. Das Bild oben zeigt den letzten Kanarienvogel in einer englischen Kohlenmine im Jahre 1987. Erstaunlich, aber wahr: Die Kanarienvögel wurden erst vor knapp 35 Jahren durch Messgeräte ersetzt! Die Vögel waren allerdings nicht nur unter Tage hilfreiche Frühwarner. Es sind sogar Fälle dokumentiert, in denen Vögel durch ihre Sensitivität Menschen das Leben retteten.

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